36 Tabletten täglich

Wie ist der Alltag eines Mukoviszidose-Patienten? Wie viele Tabletten muss er nehmen? Arbeitet der Kranke? All diese Fragen stellten die Mädchen der 10a und d der Sophie-Scholl-Realschule am Mittwoch Johannes Gollwitzer. Der 32-Jährige berichtete in einer Biologiestunde von seiner Erkrankung. Die Vererbungslehre ist Stoff im Bio-Unterricht der zehnten Klasse von Anna Helminger. Kollegin Monique Bäumler hatte den Kontakt hergestellt. Mukoviszidose wird von Eltern auf deren Kinder vererbt. Sind beide Eltern Merkmalsträger der Krankheit, so beträgt die Wahrscheinlichkeit bei einer Schwangerschaft 25 Prozent, dass das Kind krank zur Welt kommt, und 75 Prozent, dass das Baby gesund ist. Trotzdem kann es Träger sein. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 50 Prozent, erklärt Gollwitzer der 10d. In Deutschland leiden 8000 Menschen an der unheilbaren, seltenen Erbkrankheit.Der 32-Jährige zeigt den Jugendlichen Aktfotos, die wir veröffentlicht haben. Darauf sehen die Zehntklässlerinnen einen Beutel an seiner Hüfte – ein künstlicher Darmausgang. „Ich komme ganz gut damit klar“, sagt Gollwitzer. Mit den Fotos wolle er auf Mukoviszidose aufmerksam machen. Da der junge Mann damit rechnet, nur etwa 40 Jahre alt zu werden, könne er somit wenigsten ein paar „Spuren hinterlassen“.Die Zuhörerinnen dürfen den Mukoviszidose-Patienten mit Fragen löchern. Eine Schülerin will wissen, ob Gollwitzer einmal daran dachte, mit Therapie und Medikamenteneinnahme aufzuhören. Er antwortet trocken: „Ich habe zwei Suizidversuche hinter mir. Klar stelle ich mir die Frage, warum ich das alles mache.“ Bis zu 36 Tabletten müsse er täglich nehmen, nachts sei er an ein Sauerstoffgerät angeschlossen. „Brauchst du das beim Sport?“, fragt Lucia. Das Training schaffe er noch ohne, erläutert der 32-Jährige. „Und, nein, beim Sex brauche ich es nicht.“ Die Schülerinnen lachen.

JAK macht Schule

Neugierde besser

Auch die Gesellschaft mache ihm das Leben manchmal schwer: Ohne Schulabschluss, Job, Haus und Vermögen erfülle er nicht das, was viele von einem Mann verlangen würden. „Meine Therapie ist meine Arbeit. Nicht nur von Montag bis Freitag, sondern toujours.“ Sein Traumberuf sei Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Eine Reise, die der Buddhist gerne unternehmen würde, führe in ein Kloster nach Thailand. Buddhistische Motive als Tattoos und viele Narben zieren seinen Körper.

Lilli will wissen, wie Menschen in Gollwitzers Umgebung reagieren, wenn sie von der Krankheit erfahren. „Ich habe viele depressive Phasen. Damit kommen sie nicht klar.“ Würden die Leute neugierig auf ihn zukommen, fände er das besser. Diese Chance bekamen auch noch die weiteren 10. Klassen der Sophie-Scholl-Realschule.

Quelle: onetz.de